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Autor des Artikels

Michael Janßen

Büro Süddeutschland / Freier Senior Berater

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28.05.2017 / Michael Janßen

„Dem Volk aufs Maul schauen“ – Umfragen und Beteiligung

Um Meinungen und Stimmungen zu öffentlichkeitsrelevanten Projekten zu ergründen, eignen sich von Fall zu Fall auch klassische Umfragen (Bevölkerungsbefragungen). Im Einzelfall müssen Aufwand und Nutzen allerdings anderen Beteiligungsformen gegenübergestellt werden.

Vom „Stimmungscheck“ über quantifizierte Einschätzungen zur Gesamtproblematik eines Projekts bis hin zur Abfrage von Zustimmungswerten zu ganz bestimmten Fragen - das Anwendungsspektrum von Befragungen ist vielfältig. Befragungen können vor dem eigentlichen Projektstart, in bestimmten Projektphasen oder auch nach Abschluss bzw. Realisierung eines Vorhabens sinnvoll sein. Im letzten Fall ginge es dann beispielsweise um die abschließende Legitimation eines Ergebnisses, das bereits durch die vorangegangene Bürgerbeteiligung und Akzeptanzkommunikation gestützt wurde. Befragungen eignen sich schließlich auch, um Feedback zum Beteiligungsprozess selbst und Hinweise für künftige Verfahren zu gewinnen.

Vorteile von Befragungen, die sozialwissenschaftlichen Standards genügen, sind zum einen die Repräsentativität der Ergebnisse und zum anderen die Einbeziehung von Personen, für die aktive Bürgerbeteiligung sonst schwierig wäre (etwa das Wahrnehmen längerer Termine, Teilnahme an Online-Formaten etc.).

Demgegenüber bieten reine Befragungen keine Gelegenheit zum Dialog der Befragten untereinander und nur eingeschränkte Möglichkeiten, konkrete Vorschläge zu machen und zu begründen. Befragungen ersetzen nicht den Bürgerdialog oder echte Beteiligung. Auch offene Fragen bieten nur eingeschränkte Möglichkeiten, um differenzierte Meinungen und Ideen abzufragen. Umfragen eignen sich dagegen gut, um zum Beispiel ein konkretes Meinungsbild bzw. Antworten auf konkrete Fragen zu erhalten.

Viele Befragungen werden oft auch projektbegleitend durch die Medien oder auch durch betroffene Parteien/Institutionen initiiert und kommuniziert. Ebenso gut können sie als aktives Element eines strategischen Beteiligungs-/Akzeptenzkommunikations-Projekts seitens der Träger, Politik und Verwaltung oder der betroffenen Unternehmen beauftragt werden.

Ergebnisse eigener Befragungen sind in jedem Fall angemessen zu publizieren – auch und gerade bei negativen Rückmeldungen. Sie können gut in anderen Formen/Formaten der Bürgerbeteiligung aufgegriffen und weiter bearbeitet werden.

Beispiel: (Ex-Post-)Befragungen zur Standort-Akzeptanz in der Industrie

Der Autor hat in früheren Jahren (2011/2012) mehrere Bevölkerungsbefragungen im regionalen Umfeld von Produktionswerken der Industrie in Deutschland durchgeführt (Branche: Automotive). Ziel waren jeweils regionale Image- und Akzeptanzanalysen sowie die Erlangung von praktischen Handlungsempfehlungen – beispielsweise zur Steuerung regionaler Sponsoringaktivitäten. Zwar waren diese Werke jeweils schon seit Jahren in Betrieb; doch war es das Ziel, die Bevölkerung als Nachbarn, Multiplikatoren oder eben auch als Träger von Wünschen, Kritik oder Anregungen einzubinden – auch da bei großen Industriebetrieben immer wieder Erweiterungen und produktionstechnische Neuerungen realisiert werden müssen, Probleme mit Warenlogistik und Verkehrsströmen auftreten können usw., die dann eben auch (wieder) Bürgerbeteiligungsverfahrungen und Maßnahmen der Akzeptenzkommunikation erfordern.

Eines der wichtigsten Ergebnisse dieser Befragungen war, dass die Gesamtwahrnehmung der Werke (Zufriedenheit/Zustimmung) statistisch hoch signifikant mit dem jeweiligen Bekanntheitsgrad des Werkes, der Marke sowie bestimmter lokaler Aspekte korrelierte. Allein dieses Ergebnis macht deutlich, wie wichtig ein kontinuierlicher Dialog bzw. laufende Öffentlichkeitsarbeit für (nicht nur) Industriebetriebe sind. Bemerkenswert war aber auch, dass dieser Bekanntheitsgrad wiederum signifikant davon abhing, ob die Befragten jeweils Mitarbeiter des Werkes persönlich kannten (z. B. durch Familie, Verein, Freunde, Bekannte). Daraus wurde die Bedeutung der Mitarbeiter als wichtige Botschafter/Multiplikatoren abgeleitet, was wiederum Implikationen für die Bedeutung der internen Kommunikation nach sich zieht.

Weitere persönliche Erfahrungen des Autors betreffen (weltweite) interne Mitarbeiterbefragungen in einem Großunternehmen. Hier ging es unter anderem um die Evaluation der internen Kommunikation selbst, das heißt um die Erfragung von Zustimmungswerten, empfundenen Mängeln sowie von Verbesserungsideen durch die Mitarbeiter – dies vor dem Hintergrund der geplanten Realisierung neuer weltweiter interner Kommunikationskanäle unter Nutzung sozialer Medien. Denn: Auch interne Unternehmensöffentlichkeiten und nach innen wirkende Strategieentwicklungen müssen zwingend durch Maßnahmen der Akzeptanzkommunikation sowie der Mitarbeiterbeteiligung (= interne „Bürger“-Beteiligung!) intensiv einbezogen beziehungsweise begleitet werden.

Methodik, Aufwand, Kosten

Befragungen im Rahmen von Vorhaben mit Bürgerbeteiligung müssen unbedingt nach den anerkannten Regeln der empirischen Sozialforschung geplant, durchgeführt und ausgewertet werden. Meist ist es daher sinnvoll oder notwendig, einen geeigneten professionellen Partner zu beauftragen.

Zu berücksichtigen sind unter anderem 

  • Anlass und Fragestellung (Thema, Auftrag, Erwartungsklärung); 
  • Eingrenzung der Befragten („Grundgesamtheit“), Zahl der Befragten; 
  • Fragen (Fragebogen); 
  • Fragen zur Demographie; 
  • Methodik der Durchführung (Zufalls-Hausbesuche, Telefon-, Onlinebefragung); 
  • Auswertung und Verwendung der Ergebnisse und 
  • Kommunikation.

Ich möchte an dieser Stelle nur auf einige Punkte näher eingehen.

Zunächst die Frage der Grundgesamtheit und der Anzahl der Befragten: Befragt werden sollten Bürger, soweit sie räumlich oder thematisch betroffen sind oder sein können. Das können die Einwohner einer Stadt ebenso sein wie diejenigen nur eines Stadtteils oder die Anrainer (Abstand, Umkreis) einer Gasleitung, eines Windparks oder einer Industrieansiedlung. Die Anzahl der Befragten hängt von der Zahl und der Komplexität der Fragen ab und auch von der erwarteten Rücklaufquote. Bei Telefonumfragen werden oft so viele Nummern gewählt, bis eine bestimmte Anzahl Fragebögen gefüllt werden konnten. Ziel muss immer sein, dass die Ergebnisse insgesamt und für einzelne Fragen repräsentativ sind, dass also aus dem Verhalten der Stichprobe zuverlässig auf die Gesamtheit geschlossen werden darf. Für Zwecke der Bürgerbeteiligung genügen meist wenige Hundert Befragte für gute Ergebnisse. Selbstverständlich erfolgen sämtliche derartigen Befragungen heute anonymisiert.

Der Fragebogen sollte so kurz wie möglich, aber so aufgebaut sein, dass der Befragungszweck erreicht werden kann. Offene Fragen sollten dabei weitgehend vermieden werden, da sie schwierig zu beantworten und noch schwieriger auszuwerten sind. Meist ist es aber sinnvoll, mindestens ein Feld für Kommentare oder Anregungen vorzusehen, die dann aber einzeln erfasst, geclustert und bewertet werden müssen.

Fragen zu demographischen Merkmalen wie Alter, Geschlecht etc. sollten auf ein Minimum beschränkt werden. Dennoch sind einige Angaben wichtig für die Auswertung. In der Regel ist es interessant zu wissen, ob eher die Älteren oder die Jüngeren, die Haupt- oder die Hochschulabsolventen bestimmte Meinungen äußern.

Die Methode richtet sich u. a. nach Zahl der Befragten, Zeit und Budget. Eine zahlenmäßig überschaubare Zahl von Haushalten könnte man evtl. mit einem schriftlichen Fragebogen in jedem Briefkasten erreichen – allerdings wären die Portokosten für die Rücksendungen meist zu hoch. Telefoninterviews sind praktisch und preiswert, doch werden heute systematisch nicht mehr alle Arten von Haushalten gleichermaßen erreicht (allgemeine Mobilität, Verbreitung der Mobiltelefone) – was zu höherem methodischem Aufwand führt.

Insgesamt halten sich die Kosten für räumlich und thematisch klar begrenzte, einmalige Befragungen im Verhältnis zu anderen Beteiligungsformaten bei umfangreichen Vorhaben bzw. Themen aber durchaus im Rahmen. Einige Tausend oder auch 10.000 Euro müssen für eine professionelle Befragung aber durchaus eingeplant werden. (Die einfachste Methode, einfach Stimmen auf der Straße „einzufangen“, kann jedenfalls in der Regel bestenfalls erste Eindrücke vermitteln und darf nicht als repräsentativ missverstanden werden.)

Fazit

Repräsentative Befragungen sind nicht nur Instrumente der Medien. Sie können im Rahmen der Akzeptanzkommunikation und Bürgerbeteiligung auch von den Vorhabenträgern und Beteiligten initiiert und wirkungsvoll genutzt werden. Dass dabei repräsentative, verlässliche und seriöse Fakten mit hoher Glaubwürdigkeit gewonnen werden, kann als Hauptnutzen verbucht werden.

NeulandQuartier ist Spezialist für Mitarbeiter, Öffentlichkeits- und Bürgerbeteiligung. Dafür greifen wir auch auf Datenerhebungen zurück, um die Akzeptanz des Vorhabens zu steigern: von vereinzelten Tiefeninterviews über kleinere Umfragen bis hin zu umfangreichen Online-Befragungen.  

Bildrechte: Pixabay/ CC0 Public Domain

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