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Autor des Artikels

Henning Schulze

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13.09.2017 / Henning Schulze

Smart ist nicht gleich schlau

Die digitale Transformation stellt Kommunen vor gewaltige Herausforderungen. Auf dem Weg zur Smart City stehen in den kommenden Jahren im IT- und Infrastrukturbereich Investitionen in Milliardenhöhe ins Haus. Macht aber neue Technik allein die Städte besser und intelligenter? Technologie ist immer nur so smart wie ihre Anwender, argumentiert dieser Beitrag. Smart City ist daher vor allem als kommunikative Aufgabe zu verstehen.

Ein IT-Projekt erfolgreich über die Bühne zu bringen, gilt unter Projektmanagern als die anspruchsvollste Aufgabe überhaupt. Diese Wahrnehmung stützt sich auf recht eindrucksvolle Zahlen. Laut dem nicht ganz unumstrittenen Chaos-Report der Standish Group zum Beispiel konnten 2015 lediglich knapp ein Drittel aller Projekte im Bereich Softwareentwicklung erfolgreich, das heißt innerhalb der vereinbarten Ziel-, Zeit und Kostenparameter, abgeschlossen werden. Gut die Hälfte wurde zwar realisiert, geriet am Ende jedoch erheblich teurer oder langwieriger als geplant. Die restlichen 20 Prozent mussten ohne Ergebnis abgebrochen werden. Ein einschlägiges Beispiel aus der jüngeren Vergangenheit ist die Bundesagentur für Arbeit: Eine neue Software für die Agentur, gedacht, um 14 verschiedene Anwendungen im Haus zu bündeln, scheiterte nach sieben Entwicklungsjahren noch in der Pilotphase an recht banalen Problemen. Unter anderem ließen sich hinterlegte Kontonummern nachträglich nicht mehr ändern. Kostenpunkt: 60 Millionen Euro.

Zahlen hin oder her – IT-Projekte umzusetzen gilt vor allem deshalb zu Recht als besonders schwierig, weil zumeist hohe Investitionen und komplexe Veränderungsprozesse gleichzeitig notwendig sind. Wenn ein Unternehmen eine neue Software erfolgreich einführen will, muss es diese nicht nur entwickeln, sondern auch die passende Infrastruktur schaffen und dafür sorgen, dass Mitarbeiter und Kunden damit arbeiten können und wollen. Ist die Software einmal entwickelt, haben sich die Anforderungen häufig schon wieder verändert. Der Prozess geht von vorne los. Mitte der 1990er Jahre entwickelten sich vor diesem Hintergrund agile Vorgehensmodelle wie Scrum, Kanban oder Extreme Programming. Im Unterschied zum klassischen Dreiklang des Projektmanagements (Planung – Steuerung – Evaluation) setzen diese Modelle auf iterative Schleifen und stellen die Kommunikation zwischen Auftraggeber und Projektteam in den Mittelpunkt. Sie erinnern mitunter mehr an ein Rollenspiel denn an eine Organisationsmethode. Im Kern dreht sich alles um die Frage, wie sich eine komplexe und häufig nur vage formulierte Aufgabenstellung mit einem anspruchsvollen Kunden, knappem Personal, unter sich dynamisch verändernden äußeren Umständen und innerhalb eines sportlichen Kosten- und Zeitrahmens lösen lässt.

Während Bürgermeister und Digitalisierungsbeauftragte noch grübeln, wie sich Smart City in die Praxis umsetzen lässt, reibt sich die Wirtschaft schon mal die Hände.

Vor genau dieser Frage stehen aktuell die Verwaltungen der deutschen Kommunen und Landkreise angesichts der öffentlichen Forderung nach ihrer digitalen Transformation zur Smart City. Die im Juni dieses Jahres veröffentlichte „Smart City Charta“[1] des Bundesministeriums für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit gibt dafür den politischen Takt vor. Das eindrucksvolle, über einhundert Seiten starke Dokument wurde in einem Dialogprozess von Vertretern des Bundes, der Länder und der kommunalen Spitzenverbände gemeinsam mit verschiedenen Wissenschaftsorganisationen sowie Wirtschafts-, Sozial- und Fachverbänden entwickelt. Herausgekommen ist – im besten und leider auch im schlechtesten Sinne – ein politisches Konsenspapier. Beim Lesen der normativen Leitlinien der Charta fliegen einem die Adjektive nur so um die Ohren: liebenswert, vielfältig, inklusiv, klimaneutral, wettbewerbsfähig, aufgeschlossen, sensitiv und sicher soll die Smart City unter anderem sein. Während Bürgermeister und Digitalisierungsbeauftragte der Städte noch grübeln dürften, wie sich diese Anforderungen in die Praxis umsetzen, geschweige denn unter einen Hut bringen lassen, reibt sich die Wirtschaft schon mal die Hände. Laut einer Studie des Internetverbandes Eco und der Unternehmensberatung Arthur D. Little sollen sich die jährlichen Umsätze des Smart-City-Marktes von aktuell rund 20 Mrd. Euro bis 2022 auf knapp 44 Mrd. Euro mehr als verdoppeln.

Bei der digitalen Transformation der Kommunen werden in den nächsten Jahren also Fakten geschaffen werden. Das ist auch dringend notwendig, denn die Digitalisierung ist schon längst eine gesellschaftliche Tatsache. Nach einer Studie von ARD und ZDF war 2016 nahezu jede/r der 14 bis 49-Jährigen in der Bundesrepublik online. Bei den 50 bis 69-jährigen sind es immerhin 82 Prozent, und bei den über 70-Jährigen noch fast die Hälfte. Selbst meine über 80 Jahre junge Großmutter bedient heute routiniert ihr Smartphone. Die Kommunikation in meiner Familie macht das aber nicht unbedingt einfacher. Die Digitalisierung ist eben kein Allheilmittel, auch nicht für die drängenden gesellschaftlichen und politischen Herausforderungen unserer Zeit. Die unermüdliche Textproduktion des Produktmarketings suggeriert uns mit dem Vorspann „smart“ zwar die Klugheit und Menschenfreundlichkeit der Technik (Smartphone, Smart Home und jetzt eben Smart City). Das klingt gut – jeder Windows-Nutzer weiß jedoch aus eigener Erfahrung, dass Technologien immer allerhöchstens so schlau sein können wie ihre Designer. Ein Blick in die Kommentarspalten zu heiklen politischen Themen auf Facebook macht deutlich, dass es sich für die Anwenderseite der Digitalisierung ebenso verhält. Was sich aus dieser Beobachtung lernen lässt, ist, dass technologische Innovationen immer auch soziale Entwicklung erfordern. Ob eine Technologie vernünftig angewendet wird, entscheidet sich in erster Linie in einem kommunikativen Prozess.

Um wirklich smart zu werden, werden sich die Städte in ihren internen Strukturen renovieren und das Verhältnis zwischen Politik, Verwaltung und Bürgern neu denken lernen müssen.

Laut den Charta-Leitlinien soll die „intelligente und zukunftsorientierte Kommune“ zum Beispiel „integrative Konzepte zur umfassenden und selbstbestimmten Teilhabe aller Menschen“ verwirklichen. Das klingt auf dem Papier erst einmal prima. In der Praxis könnte es zum Beispiel bedeuten, dass Kommunen ihre Bürgerinnen und Bürger mit dialogisch und barrierearm konzipierten Formaten an Planungen und Verwaltungsprozessen beteiligen und auf diesem Wege wieder mehr Menschen für politische Prozesse zu begeistern versuchen. Bei der Umsetzung dieser Formate birgt die Digitalisierung in der Tat ein großes und bislang weitgehend unerschlossenes Potenzial: Auch komplexe Gegenstände, die Elemente eines Planfeststellungsverfahrens beispielsweise, ließen sich heute mit vergleichsweise geringem Aufwand interaktiv aufbereiten und online in Echtzeit zur Diskussion stellen. In Verbindung mit dem direkten Bürgerdialog könnten solche Formate parallel zur Arbeit der gewählten Stadträte zu einem festen Element zeitgemäßer Kommunalpolitik gedeihen. Im Ergebnis würden Politik und Verwaltung transparenter, durchlässiger und letztlich auch effektiver arbeiten können. Schaut man sich aber die Realität einer durchschnittlichen deutschen Stadtverwaltung in puncto Personal- und Ressourcenausstattung an, wird klar, warum es in der Regel nicht zu mehr als dem halbherzig moderierten Profil auf Facebook reicht.

Ein letzter Blick auf die Zahlen: Nach der oben zitierten Wachstums-Studie werden die großen Umsätze auf dem Smart-City-Markt bei Transport und Logistik, intelligentem Verkehrsmanagement, IT-Sicherheit, Netzinfrastruktur, audiovisueller Überwachung und Gebäudeautomatisierung erzielt werden. Das erscheint logisch, wenn in den nächsten Jahren kommunale Technik und Infrastruktur in großem Stil für das digitale Zeitalter fit gemacht werden sollen. Es wäre jedoch fatal, die Transformation zur Smart City allein als technologischen Prozess zu verstehen. Um mit Blick auf die oben genannten Potenziale und Grenzen der Digitalisierung wirklich smart zu werden, werden sich die Städte gleichzeitig in ihren internen Strukturen renovieren und das Verhältnis zwischen Politik, Verwaltung und Bürgern neu denken lernen müssen. Diese kommunikative Aufgabe ist das eigentliche Projekt bei der Transformation zur Smart City. Sie ist komplex, wird eine Menge Geld und Zeit kosten und viele iterative Schleifen bis zu ihrer Lösung erfordern. Kein Grund, sie nicht anzupacken!

[1] http://www.bbsr.bund.de/BBSR/D...

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